Das Leben der Anderen
Das Leben der Anderen
Jean-Félix: Durch die nun erneuten Plagiatsvorwürfe im Bezug auf Doktorarbeiten, möchte ich die Frage stellen:
Ist die heutige Zeit eher dadurch motiviert die Fehler der anderen offen zu legen, als zunächst die eigenen zu erkennen und einzugestehen?
C. Mutz: Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, es ist eine sehr starke Motivation vorhanden etwas Neues aufzudecken, also Sachen die vorher noch nicht bekannt waren, weil man sich in gewisser Weise damit selber rühmen kann, es als erster entdeckt zu haben. Gerade auch bei den Plagiatsaffären, bei denen sich Einzelpersonen damit rühmen, es als erster entdeckt zu haben aber auch die Wikiblogs, die sich dadurch auszeichnen, solche Fehler zu entdecken.
JF: Also als Auszeichnung...
CM: ...Ja.
Es geht deiner Meinung nach nicht so sehr darum zu zeigen, dass die in der Öffentlichkeit stehenden Leute bereits im Privatleben betrogen haben, vereinfacht gesagt also keine ehrlichen Menschen sind, wir ihnen aber in ihrem öffentlichen Handeln Glauben schenken sollen?
Es gibt eigentlich zwei Gruppen. Die erste Gruppe ist diese, die sich selbst mit der Entdeckung des Betrugs rühmen. Es gibt aber auch eine zweite Gruppe, wie beispielsweise die Medien, die als vierte Gewalt Sachen kritisch hinterfragt und auch Fehler aufdeckt. Was wirklich nicht zu verachten ist, um auf Fehler in der Gesellschaft oder öffentlicher Personen hin zu weisen. Es ist auch Aufgabe der Medien kritisch zu hinterfragen und auf Fehler oder unrechtes Verhalten aufmerksam zu machen, denn wenn sich niemand darum kümmern würde, könnte letztendlich jeder machen, was er will, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Im Hinblick auf die Plagiate ist zweifelsohne ein Fehlverhalten vorhanden und es handelt sich hierbei um öffentliche Personen, die auch Vorbildfunktion haben. Nur so kann man eine Demokratie voranbringen, wenn man auf Fehler aufmerksam macht, um diese zukünftig zu vermeiden.
Das ist durchaus verständlich. Was mir jedoch auffällt ist, dass es immer mehr darum geht öffentlichen, populären Person persönlichen Schaden zu zufügen. Ist das der Sensationsgeilheit unserer Gesellschaft geschuldet?
Es entwickelt irgendwann eine Eigendynamik, die in diese Richtung geht. Der Ursprung lag in diesem Fall jedoch nicht darin. Beim Fall von Herrn zu Guttenberg ging es um privates Interesse an dessen Doktorarbeit, wo beim Lesen sehr schnell Unregelmäßigkeiten aufgefallen sind und nur daraufhin hat Fischer-Lescano die Arbeit überprüft. Und wenn man solche Abschriebe entdeckt, dann sollte man damit auch an die Öffentlichkeit. Natürlich ist Herr von und zu Guttenberg nicht Minister geworden weil er einen Doktortitel hatte. Allerdings hat ihm der Doktortitel in seiner Karriere sicherlich nicht geschadet. Was ich kritisch sehe ist die Sache, dass er als Minister eine sehr große Vorbildfunktion für die Bevölkerung hat und wenn er in diesem Umfang gegen Recht verstößt, dann ist darauf in jedem Fall aufmerksam zu machen. Dass dies dann die Kritiker der Person Guttenbergs auf den Plan ruft, die darauf herum hacken, lässt sich nicht vermeiden. Die eigentliche Intention dahinter war jedoch auf Missstände aufmerksam zu machen. Auf die Politik von zu Guttenberg möchte ich jetzt hier nicht eingehen, das würde zu weit führen.
Die politische Richtung ist ja letztendlich auch eine Sache der persönlichen Einstellung. Wobei die Politik dadurch, in diesem Falle die der Bundesregierung, die ja auch Herr zu Guttenberg vertrat, schaden nimmt, da nicht mehr das politische Programm im Vordergrund steht, sondern die Person.
Aber die Person repräsentiert ja auch die Politik und wenn ein Minister ein Fehlverhalten in politischer Hinsicht an den Tag legt, dann muss er dafür auch gerade stehen. Ich finde auch gerade diesen Fall, sollte man nicht verharmlosen, da es sich hierbei nicht um einen Kavaliersdelikt handelt. Herr zu Guttenberg hat ganz klar gegen wissenschaftliche Vorgaben verstoßen. Hinzu kam, die in seinem Fall unglückliche Eigendarstellung, in der er am Anfang der Vorwürfe gesagt hat, es sei gar nichts dran. Eine Woche später wollte er es dann überprüfen. Noch eine Woche später dann, ja er habe Fehler gemacht und letztendlich musste er dann gehen. Nur, das hat jetzt nichts mit den Plagiatsjägern zu tun. Aber ich glaube eben schon, dass sie als kritisches Medium wichtig sind. Wenn es letztendlich dann so Überhand nimmt, dass es für jeden Abgeordneten, für jede öffentliche Person Wikis gibt, auf denen Leute nach Fehlern suchen, ist das eine Eigendynamik die nicht wirklich zu befürworten ist.
Aber das ist eben genau das, was daraus folgt, dass die Leute regelrecht geil darauf sind in jeder öffentlichen Rede, in jedem gesagten Wort danach zu Suchen, wo nicht genau das eingehalten wurde, was an anderer Stelle versprochen wurde. Dieses Verhalten stellt meiner Meinung nach ein Problem dar. Nur muss man auch sehen, dass der Fehler nicht allein bei der Person liegt, die die Zeilen kopiert hat, sondern auch bei den Prüfern der Arbeiten bei deren Einreichung.
Es ist natürlich die Aufgabe der Universitäten sämtliche Abschlussarbeiten, seien es Diplom-, Bachelor-, Master- oder eben Doktorarbeiten, zu prüfen. Dann liegt der größte Fehler bei der Universität am Doktorvater, weil er diese Fehler nicht bemerkt hat. Das ist wäre seine Aufgabe. Und die Universität hat diese Arbeiten mit einer Note zu bewerten. Wenn dann so eine Doktorarbeit mit der Bestnote abschließen kann, dann ist hier ein sehr großer Fehler vorgelegen. Es ist nicht Aufgabe der Plagiatsjäger Fehler in der Doktorarbeit zu finden, sondern Aufgabe der Universitäten, weil die Doktorarbeit im Namen der Universität geschrieben und benotet wurde. So ist natürlich der Fehler da zu suchen, da die Universitäten genau dafür Leute angestellt haben, die die nötige Software und das Wissen haben um danach zu recherchieren und Plagiate oder nicht vorhandene Quellennachweise aufzudecken. Hier stellt sich unter Umständen die Frage, auch da ich nicht genau weiß wie die Doktorarbeiten geprüft werden, ob Arbeiten von großen Namen weniger gründlich Untersucht werden. Dies wäre ein noch viel größerer Fehler der Universitäten, da in diesem Fall ja nicht alle Personen und deren Arbeiten die im Namen der Universitäten geschrieben wurden gleich behandelt werden. Das muss eigentlich der Grundsatz sein, dass bei jedem der gleiche Maßstab angesetzt wird. In diesem Punkt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob bei einer unbekannteren Person genauer hin geschaut wird und die Hemmschwelle höher liegt einer bekannteren Person einen Doktortitel nicht zu verleihen, weil man Angst vor dem Namen hat oder weil irgendwelche Lobbys dahinter stehen. Das kann nicht Sinn der Sache sein.
Das ist auch genau das Thema der Eingangsfrage. Werden, ich will nicht sagen die Falschen, aber eben nicht alle Leute, die darin involviert sind, die Fehler gemacht haben, zur Rechenschaft gezogen? Jetzt sagen die Universitäten, sie müssten die Arbeiten prüfen aber eigentlich ist es dafür zu spät. Bereits bei der Einreichung hätten die Arbeiten eingehend geprüft werden sollen, dann kommt es zu solchen Fällen erst gar nicht. Natürlich kann man sowohl als Doktoranwärter, als auch als Prüfer eine fehlende Quellenangabe übersehen aber dass Fehler und Abschriebe in dieser Größenordnung übersehen werden ist ungewöhnlich. Selbst im Abitur gibt es drei Korrektoren, also drei Prüfer.
Das ist richtig und meiner Meinung nach ist auch da das öffentliche Interesse fehlgeleitet. Natürlich liegt der Fehler in erster Hinsicht bei der Person, die die Arbeit schreibt. Sie ist dafür Verantwortlich. Aber der Titel wird eben durch die Universität verliehen...
...Die Doktorarbeit wird dadurch ja erst anerkannt...
und deswegen kommen die Universitäten und Prüfer viel zu gut weg im Moment. Sie stellen sich teilweise sogar selber dar, als ob sie die Guten wären. Aber eigentlich liegt der Fehler, wie du auch sagst, schon bei den Universitäten, weil sie ihre Aufgabe versäumt haben. Ich finde da sollte man auch noch viel stärker darauf aufmerksam machen, damit so was in Zukunft nicht mehr passiert und dass die wissenschaftlichen Maßstäbe bei jedem gleich angesetzt werden. Natürlich ist es ein großer Arbeitsaufwand jede Doktorarbeit zu prüfen aber, Entschuldigung, das ist deren Aufgabe und müssen sich daher auch der gerechtfertigten Kritik stellen und diese fällt meiner Meinung nach noch nicht groß genug aus, weil hier ebenso eine Teilschuld vorliegt. Hier muss noch mehr darauf aufmerksam gemacht werden und in Zukunft Verbesserungen in diesem Bereich angestrebt werden. Auch hier müssen die Verantwortlichen ihre Verantwortung tragen und sich zumindest entschuldigen oder ihren Posten verlassen. Ich will hier keine Konsequenzen fordern aber die Universität trägt auf jeden Fall auch eine Schuld und kommt im Moment noch zu gut weg.
Das Leid der anderen. Man sagt eben, man prüfe das noch mal, anstatt anzuerkennen, dass man selbst genau so Fehler gemacht hat und den Doktortitel verliehen hat, obwohl gravierende Fehler enthalten waren. Also muss man letztendlich zuerst auch zu sich selbes sagen: „Ich habe einen Fehler gemacht,“ bevor man mit aller Härte gegen andere an die Öffentlichkeit geht?
Die Universitäten sind ja jetzt nicht zuerst an die Öffentlichkeit gegangen. Nichts desto trotz ist es eine Schande der Universitäten, dass sie ihre Arbeit erst aufnehmen, nachdem sie von externen Quellen auf ihre Fehler aufmerksam gemacht wurden, weil sie ihre Arbeit vorher versäumt haben.
Im Gespräch mit Chefredakteur Jean-Félix:
Christian Mutz, Student der Sowzialwissenschaften an der Universität Landau
Samstag, 4. Juni 2011
Jean-Félix
Auf einen Kopf mit...Christian Mutz